Harztour 2016 – Tag 1

Do. 30. Juni 2016 – Der Aufbruch


So gegen 5:30 Uhr früh wache ich auf. Ich hatte am Vortag meine Ausrüstung zusammengestellt und bis auf Lebensmittel und einige Hygieneartikel alles in Radtaschen und Packsack verstaut. Ich bin also gut vorbereitet. Dennoch bin ich unruhig, denn ich erwarte noch ein Ersatzteil für die Sattelklemme meiner Thudbuster. Die Zustellung des Paketes war zunächst für gestern, dann aber wegen einer Beschädigung und daher nötigen Neuverpackung für heute angekündigt worden. Laut Sendungsverfolgung befindet sich das Paket zwar bereits im Paketzentrum Bielefeld, ist aber noch nicht ins Zustellfahrzeug verladen. Ich werde nervös. Ein ausgiebiges Duschbad und anschließendes Frühstück ändert daran nichts. Ich kann leider schlecht damit umgehen, wenn geplante Abläufe nicht vollständig unter meiner Kontrolle sind. Ich verstaue die restlichen Utensilien in den Taschen, schaue immer wieder im Internet nach dem aktuellen Lieferstatus meines Pakets. Das ist zwar inzwischen im Lieferfahrzeug, es gibt aber keine Angabe über den zu erwartenden Zeitrahmen der Zustellung.

Ich will auf jeden Fall heute noch losfahren und entschließe mich dazu, ohne diese M5 Innensechskantschraube aufzubrechen, wenn auch deutlich später als geplant. Es ist jetzt 13:00 Uhr. Schnell ist mein Terra bepackt

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und ich teste tatsächlich zum ersten Mal dessen Fahrverhalten bei voller Beladung.

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Der Unterschied zum unbeladenen oder nur mit zwei hinteren Taschen behängtem Rad ist deutlich zu spüren. Das Bremsverhalten ist zwar durch die höhere Nutzlast beeinflusst, aber hier in der Ebene fällt das so gut wie nicht ins Gewicht. Klar, dass auch die möglichen Beschleunigungswerte sich bei gleichem Krafteinsatz nicht verbessert haben; aber das ist unwichtig. Einzig das Lenkverhalten hat sich deutlich verändert. Das Rad wirkt durch die vorderen Taschen beim Einlenken träger. Das war aber auch zu erwarten gewesen und ich werde mich bestimmt schnell daran gewöhnen. Ein Blick auf die Uhr verrät: es ist 14:11 Uhr, ich fahre los.

Das Wetter kommt mir sehr entgegen. Kein Wind versucht mich einzubremsen, die Lufttemperatur liegt bei angenehmen 20 °C und die das Blau des Himmels unterbrechenden Wolken deuten nicht auf zu erwartenden Regen hin – das gefällt mir und lässt mich den Ärger der verspäteten Abfahrt schnell vergessen. Ich radle gemütlich auf altbekannten Wegen im Lipperland und hoffe, mein angepeiltes Tagesziel, die Zeltwiese des Weser Aktivhotels Corvey in Höxter trotz verspäteter Abreise heute noch zu erreichen. Nach knapp 30 km, ich rolle gerade einen sanften Hügel kurz hinter Berlebeck hinab, fühlt sich mein Rad merkwürdig an, irgendwie schwammig, nicht spurstabil in den Kurven. Ein kritischer Blick auf den vorderen Reifen: scheinbar alles OK. Beim Blick auf den Hinterreifen bin ich mir nicht so sicher, also halte ich an und steige ab.

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Ein Blick genügt um zu wissen, ich habe einen Platten. Den ersten mit diesem Rad seit über 7.000 km und nach nur 28,74 km am ersten Tag meiner ersten längeren Tour. „Kein guter Start, nein, wirklich kein guter Start!“ schimpfe ich vor mich hin. Zweimal tief Luft geholt, einen großen Schluck aus der Trinkflasche genommen, dann gehe ich‘s an: der Schlauch muss gewechselt werden. Im Prinzip ist das kein großes Ding. Werkzeug habe ich dabei, ebenso einen Ersatzschlauch und Flickzeug, um den beschädigten zu reparieren. Allerdings hatte ich es bislang nicht für nötig gehalten, ein Laufrad mit Rohloff Nabe aus- bzw. einzubauen. Dank externer Schaltbox erweist sich das aber als absolut unkompliziert; den Chainglider wieder passend zu positionieren ist weitaus fummeliger. Das Loch im Schlauch finde ich sehr schnell und markiere es mit einem Kugelschreiber für die spätere Reparatur; zum Einsatz kommt jetzt der Ersatzschlauch. Eine Frage muss ich aber noch klären: was ist die Ursache für den Schaden? Nach akribischer Untersuchung des Mantels finde ich die Ursache:

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Ein winzig kleiner Glassplitter hatte sich in die Lauffläche des Mantels gebohrt und wohl im Laufe der Zeit weiter nach innen gedrückt. Mit der Ahle meines Taschenmessers kann ich den Übeltäter entfernen. Gestern noch hatte ich leere Glasflaschen zum Sammelcontainer gebracht. Um weiteren Schäden durch Glassplitter vorzubeugen, untersuche ich den Mantel sehr gewissenhaft. Zwar entdecke ich weitere Löcher in der Lauffläche, finde in diesen allerdings keine weiteren Fremdkörper. Ich bin beruhigt. Ein Blick auf die Uhr verrät: eine knappe Stunde Zeit ist während dieses Zwangsstopps verflossen. Ok, noch schnell etwas Energie in Form einer Banane nachgelegt und dann wieder aufs Rad Richtung Höxter. „Welt, ich komme!“ denke ich.

Doch die nun wieder unbeschwerte Freude währt nicht lange. Nach nur knapp 5 km kommt mir in einem Waldstück südlich von Horn-Bad Meinberg ein Radfahrer entgegen und weist mich auf umgestürzte Bäume hin, die quer über dem Weg liegen. Ich bedanke mich für den Hinweis, mache mir aber deswegen keine großen Sorgen. „Nen Baum zu umfahren kann ja keine große Sache sein“, denke ich. Auch als ich auf die Stelle zukomme, ändert sich meine Einschätzung bezüglich dieses Hindernisses zunächst nicht.

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Ich stelle mein Rad ab und schaue mich nach geeigneten Möglichkeiten um, dieses Hindernis zu passieren. Dabei wird mir schnell klar, dass das so einfach dann doch nicht wird. Links des Weges fällt das Gelände ziemlich rapide ab. Hier hätte ich es wahrscheinlich schon schwer, mich ohne das Rad durchzuschlagen. Zur Rechten verläuft parallel zum Weg eine etwa 1 m tiefe Rinne, danach steigt es recht steil und ist dicht bewachsen mit teils dornigem Gestrüpp. Auch hier wird die Passage vermutlich nicht einfach; eine Alternative bietet sich allerdings nicht. Da meine Fuhre geschätzte 50 kg wiegt, scheint es mir unumgänglich zu sein, das Rad abzupacken. So befördere ich zunächst mein Terra und anschließend die vier Taschen und den Packsack in einem weiten Bogen um das Hindernis herum. Der Boden ist sehr feucht und rutschig. Um einen sichereren Halt zu finden, lege in an einigen Stellen dickere Aststücke sozusagen als Trittstufen aus. Nach einer guten halben Stunde ist auch diese Hürde genommen und ich merke erst viel später, wie verkratzt und zerstochen meine Beine dabei wurden. Mir kommt der Spruch: „Aller guten Dinge sind drei.“ in den Sinn. Mein Bedarf an Unerwartetem ist aber für heute gedeckt und ich könnte gut auf eine dritte Überraschung verzichten.

Es ist etwa 18:30 Uhr, also noch helllichter Tag, und so fahre ich trotz aller Abweichung von ehemals Geplantem guter Dinge weiter. Nach etwa einer halben Stunde kommt ein kaum zu ignorierendes Hungergefühl auf. An einem kleinen Weiher in der Nähe des Wasserschlosses Vinsebeck finde ich ein lauschiges Plätzchen, an dem ich mich stärke. Ein Blick aufs Navi macht klar, dass bis Höxter noch weit mehr als 30 km Strecke vor mir liegen; ich würde kaum vor 21:00 Uhr dort sein. Ich gebe dieses Tagesziel auf. Einen Hinweis auf einen geeigneten Campingplatz in der Nähe finde ich nicht, radle aber nach der Stärkung weiter. „Soll ich mich mit dem Zelt einfach irgendwo in die Büsche schlagen?“ oder „Finde ich vielleicht eine Schutzhütte, in der ich ohne Zelt, nur mit Isomatte und Schlafsack nächtigen kann?“ oder „Soll ich der Einfachheit halber einfach einen Gasthof ansteuern?“ sind Fragen, um die meine Gedanken kreisen, als plötzlich ein unübersehbarer Farbtupfer am Wegesrand meine Aufmerksamkeit erweckt.

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Ich steuere darauf zu und erblicke einen Hinweis, der mir sofort die Antwort auf die eben noch ungelöste Übernachtungsfrage liefert.

Zwar kann ich mein Nachtlager nicht wie gehofft im Heu aufschlagen, denn alle Plätze sind durch Kinder einer Schulklasse und deren Begleiter belegt, aber der freundliche Herbergsvater bietet mir an, im privaten Teil des Gartens mein Zelt aufzuschlagen. Dieses Angebot nehme ich natürlich gerne an und errichte dort unter einem Apfelbaum mein Lager.

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Schon im kuscheligen Schlafsack liegend lasse ich den heutigen Tag noch einmal Revue passieren. Nein, es lief nicht so, wie ich mir das ursprünglich ausgemalt hatte. Die teils selbst verschuldete Verspätung bei der Abfahrt, die frühe Reifenpanne und die zeitraubende Umgehung des vermutlich vom Sturm niedergestreckten Baumes standen so nicht auf meinem Plan. Aber war das nicht gerade das, was ich gesucht hatte, Unvorhergesehenes zu erleben und eventuelle Hürden zu meistern? Doch, ich bin zufrieden mit dem Tag und schon voller Vorfreude gespannt auf morgen.